Pfarrei St. Peter und Paul Winterthur

Therese von Lisieux

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(Text aus Pfabü 116: Grenzen überwinden)

sts| Lange hatte sie nicht Zeit, heilig zu werden. Aber bei ihr ging alles ein wenig schneller. Trotzdem würde sie sich wehren, ein Wunderkind genannt zu werden, das durch besondere Gaben hervorsticht. Geboren wurde sie am 2. Januar 1873 als fünftes Kind frommer Eltern, die sich eigentlich einen Sohn gewünscht haben, der dann ein Missionar werden könnte… ohne im entferntesten zu ahnen, dass ihre Tochter einmal heiliggesprochen und bereits 1927 feierlich zur Missionspatronin erklärt werden würde. Immerhin erbat sie erst fünfzehnjährig von Papst Leo XIII. die Erlaubnis, in das Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen in Lisieux eintreten zu dürfen. Wo sie dann am 9. April 1880 aufgenommen worden und dort bereits am 30. September 1897 gestorben ist. In ihren selbstbiografischen Schriften heisst es: «Ich begriff, wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten, so verlöre die Natur ihren Frühlingsschmuck, und die Fluren wären nicht mehr übersät mit kleinen Blümchen. Nicht anders verhält es sich in der Welt der Seelen, die der Garten Jesu ist.»  – So hatte sie sich entschieden, ein kleines Blümchen zu sein… und wurde gerade so zur Lehrerin vom «kleinen Weg». Quasi ein Weg zur Vollkommenheit, der für alle gangbar ist, weil er hauptsächlich vom Vertrauen auf Gott lebt. Zudem ist es ein Weg, der Gott nicht in ausserordentlichen Erfahrungen sucht, sondern in den Dingen und Handlungen des Alltags. Mystik hiesse für Therese von Lisieux, Gott, den Geheimnisvollen, in uns selbst zu erfahren und in den Mitmenschen, die uns begegnen. Mit ihren Worten: «Unser Herr schaut nicht so sehr auf die Grösse unserer Taten, nicht einmal darauf, wie schwer sie sind – nur auf die Liebe, mit der wir sie tun und begleiten.»

So kann uns Therese in unserer leistungs- und karrierebezogenen Zeit zur Schlichtheit des Evangeliums zurückführen und zu einem (richtig verstandenen!) Kindsein vor Gott, das keineswegs ein unselbstständiges, fremdbestimmtes Menschsein meint. Eher geht es um ein Offensein und Staunen- und Vertrauenkönnen, wie wir es bei Kindern finden und von dem das Evangelium spricht: «Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.» (Mt 18,3). Im Lichte dieses Wortes, das ein Leitwort ihres «kleinen Weges» sein könnte, lebte und lehrte sie ein uferloses Sich-Fallenlassen in die Barmherzigkeit Gottes. Dabei bestärkten sie Worte aus der Schrift, die sie auf sehr unmittelbar-persönliche Weise auf sich bezog. So hatte es ihr das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn angetan, wo Jesus sein Kommen mit dem nächtlichen Kommen eines Diebes vergleicht (vgl. Mt 24,43f). Darüber konnte Therese von Lisieux sagen: «Im Evangelium steht, der liebe Gott wird kommen wie ein Dieb. Er wird kommen und mich ganz sanft stehlen. O wie gerne möchte ich dem Dieb dabei helfen… ich würde ihn nicht weniger lieben, wenn er mich stehlen käme.»

Was nach einer naiven, nach innen gekehrten Frömmigkeit tönt, als ob sich Therese aus dem Leben und jeglicher Verantwortung herausnehmen, herausstehlen möchte, täuscht. Nie ging es ihr bloss um das Erreichen des persönlichen Seelenheils. Wie sonst wäre sie zur Patronin der Missionen erklärt worden? Sie führte zwar ein unauffälliges Leben hinter Klostermauern. Nie aber verstand sie das als Rückzug aus der Welt.  Stattdessen konnte sie sagen: «Ich möchte die ganze Welt durcheilen, deinen Namen zu verkünden.» Und selbst für den Himmel wünschte sie sich: «Ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun.» Hinter solchen Worten steht ein untrügliches Gespür dafür, dass Liebe unteilbar ist und dass nichts verloren geht, was in Liebe gegeben, geteilt oder erlitten wird. Mehr wollte sie nicht, das aber in letzter Konsequenz.