Neues Pfabü zum Thema «unterwegs sein»

03.07.2021

Editorial

«Unterwegs sein» – Thema dieses Pfabüs – bedeutet: auf Wander- oder Pilgerschaft sein. Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnete in der Pastoralkonstitution «Gaudium und Spes» die Kirche als «Volk Gottes unterwegs». Die Rede von der «pilgernden Kirche» weist auf das Ideal der peregrinatio hin, auf die Pilgerschaft um Christi willen, die im Frühmittelalter zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert viele iroschottische Mönche – darunter Kolumban und Gallus – für sich als Lebensform wählten. Zur radikalen Nachfolge Jesu gehörten das Verlassen der Insel und das rastlose Umherziehen auf dem Kontinent, heisst es doch: «Der Menschensohn hat keinen Ort, wohin er sein Haupt hinlegen kann» (Mt 8,20). Der Mensch ist ein Pilger, homo viator. Für alle, die Christus nachfolgen, ist diese Welt nur eine Heimat auf Zeit. Wir sind hier auf Erden Fremde, Gäste, «denn wir haben hier keine bleibende Stadt» (Hebr 13,14).

Die peregrinatio bedeutet, wie bei Abraham, das Verlassen des Vaterlandes, der eigenen Familie, der Verwandtschaft, von Haus und Hof. Der Auszug aus der vertrauten Umgebung ist ein Schritt ins Ungewisse. Aber das Leben in der Fremde, das stete Unterwegssein ist zugleich ein Gehen auf ein Ziel zu. Wer aus der Heimat auszieht, lässt nicht nur allen Besitz zurück, sondern auch menschliche Beziehungen und lieb gewordene Gewohnheiten. Die irischen Mönche wussten sich von Gott zur Wanderschaft berufen. Sie wanderten, um gewandelt zu werden, um Jesus, Gott, näher zu kommen. Die Mönche zogen durch die Welt, nicht um Neues zu erleben, sondern um neu zu werden. Sie fühlten sich an keinen Ort, sondern nur an Gott gebunden. Je entfernter sie von der grünen Insel, ihrer irdischen Heimat, waren, umso intensiver war ihre Suche und ihr Streben nach der himmlischen Heimat. «Unsere Heimat ist im Himmel», schreibt Paulus (Phil 3,20). Erst dort, am Endziel, kommt das Unterwegssein für immer zur Ruhe. 

Unser menschliches Leben ist eine Pilgerfahrt zur ewigen Heimat. Die Vorstellung vom Lebensweg als Pilgerweg liegt auch der Definition von Kirche als Volk Gottes unterwegs zugrunde. Die iroschottischen Wandermönche blieben auf ihren Reisen nicht untätig, sondern wirkten als geistliche Lehrer und Missionare. Dank ihnen fand das Christentum Eingang in weiten Teilen des germanisch-fränkischen Reiches, zu dem auch das Gebiet der Schweiz gehörte. In ihren Spuren sind wir bis heute pilgernd unterwegs zu unserem eigentlichen Ziel.

Im Namen der Redaktion

Otto Dudle

 

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